If I had Legs, I'd Cick You (Mary Bronstein, © Logan White / © A24)

Amerikanisches Chaos

Gegen Ende der Berlinale wird deutlich, welche Kriterien erfüllt sein mussten, damit ein Film in den Wettbewerb eingeladen wurde. Entweder sollte er von einer Regisseurin inszeniert oder die Protagonistin weiblich sein. Bei dem amerikanischen Beitrag „If I Had Legs, I‘d Kick You“ waren gleich beide Kriterien erfüllt. Die Regisseurin Mary Bronstein hatte 2008 mit ihrem Debüt „Yeast“ viel Aufmerksamkeit gefunden. In ihrem neuen Film spielt Rose Byrne die Therapeutin Linda, eine Frau Mitte 40, deren Tochter an einer mysteriösen Krankheit leidet. Die Tochter ist nur schemenhaft zu erkennen und es wird nie ganz klar, was es mit ihrer Krankheit auf sich hat. Im Laufe der Geschichte verliert Linda zunehmend die Orientierung, alles Mögliche geht schief und sie verfängt sich in einem Netz von Frustration und hilfloser Wut. Durchaus verständlich, zumal zuerst ihre Wohnung unter Wasser steht, schließlich die Decke herunterkracht und dauerhaft ein klaffendes Loch hinterlässt. Kein Wunder, dass Linda am Rande des Nervenzusammenbruchs agiert, allerdings ohne den wilden Humor von Pedro Almodóvars Film vor 30 Jahren. 

Die Australierin Rose Byrne, die schon zur „sexiest woman alive“ gewählt, doch für die Rolle bewusst unattraktiv hergerichtet wurde, gilt als starke Kandidatin für den Darstellerpreis. Todernst und ordentlich gescheitelt spielt der Late Night-Entertainer Conan O’Brian ihren Therapeuten, mit dem sie in wachsenden Konflikt gerät. Zu allem Überfluss ruft auch noch Lindas abwesender Mann an und gibt ihr Anweisungen, was sie zu tun hat. 

Das ist als überbordendes Chaos inszeniert und soll den Stress der alleinerziehenden, berufstätigen Mutter auf die Spitze treiben. Irgendwann ist man auch als Zuschauer zunehmend genervt und fragt sich, was uns Mary Bronstein als Regisseurin und Autorin eigentlich sagen will. 

Österreichischer Familienhorror

Spannender geht es im Film der Österreicherin Johanna Moder zu. In „Mother’s Baby“ verkörpert Marie Leuenberger eine erfolgreiche Dirigentin Anfang 40, deren Kinderwunsch endlich in Erfüllung geht. Aber das ersehnte Glück will sich bei Julia nicht einstellen. Während ihr Mann Georg (Hans Löw) mit allem zufrieden ist, kann sie sich mit dem Kind nicht anfreunden. Hinzu kommen merkwürdige Untersuchungen in der Privatklinik, in der sie entbunden hat. Der fürsorgliche Gynäkologe Dr. Vielfort (der Name klingt ein wenig nach Voldemort), gespielt von dem Dänen Claes Bang, ist ihr bald nicht mehr geheuer. Man hatte Julia das Kind nach der Geburt weggenommen, um im Wiener Allgemeinen Krankenhaus einen angeblichen Sauerstoffmangel auszugleichen, doch merkwürdigerweise gibt es darüber dort keine Unterlagen. Julia wird zunehmend misstrauischer, das Kind, das nie schreit und ruhig wie eine Baby-Attrappe in seinem Bett liegt, erscheint ihr immer unheimlicher. Sie ist überzeugt, dass man ihr nach der Geburt ein fremdes Kind untergeschoben hat.

Ihr Misstrauen wird als postnatale Depression abgetan, dazu streitet sie sich immer häufiger mit ihrem Mann. Auch der Zuschauer weiß bald nicht mehr, ob Julia mit ihrem Verdacht recht hat oder ob sie in eine Paranoia abrutscht.

Johanna Moder verbindet geschickt Elemente eines Thrillers mit dem Drama eines Paares, das von der Geburt des ersten Kindes überfordert ist. Als Julia liefert Marie Leuenberger die subtile Performance einer Mutter, die sich von ihrem Mann und ihrer Umgebung im Stich gelassen fühlt.

Deutsche Telepathie

Frédéric Hambaleks zweiter Spielfilm, „Was Marielle weiß”, war eine der Entdeckungen im Wettbewerb dieser Berlinale. Der 38jährige machte sich einen Namen als Drehbuchautor, bevor er 2019 seinen selbst finanzierten Debütfilm „Modell Olimpia“ realisierte. Der fand trotz eines minimalen Budgets internationale Aufmerksamkeit. Diesmal konnte Hambalek prominente Darsteller wie Julia Jentsch und Felix Kramer verpflichten, die ein gut situiertes Ehepaar spielen. Man fährt E-Autos, hat coole Medienjobs und wohnt in einem geschmackvoll eingerichteten Haus am Stadtrand. 

Nach der Ohrfeige einer Mitschülerin entwickelt ihre Tochter Marielle (Laeni Geiseler) plötzlich telepathische Fähigkeiten und weiß alles, was ihre Eltern in ihrer Abwesenheit tun und sagen. Es dauert nicht lange bis die Familienidylle zusammenbricht, als Marielle beim Abendessen erzählt, dass ihre Mutter heimlich geraucht hat und Sex mit einem Kollegen hatte, während ihr Vater mit seiner Idee für ein Buchcover scheitert, zuhause aber das Gegenteil erzählt. Während Kinder und Jugendliche heute maximal von ihren Eltern überwacht werden, dreht der Film den Spieß um. Gnadenlos werden die Heimlichkeiten und kleinen Lügen der Eltern entlarvt. „Um die Situation zu retten, versuchen beide, Bonuspunkte bei ihrer Tochter zu machen“, wie Felix Kramer in der Pressekonferenz kommentierte.

„Was Marielle weiß” war eine der Überraschungen im Wettbewerb dieser Berlinale. Frédéric Hambalek , Autor und Regisseur, beeindruckt durch sein erzählerisches Talent und sicheres Gespür für ironische Wendungen.

Norwegische Jugendliebe

Die 16jährige Schülerin Johanne (Ella Øverbye) verliebt sich in ihre ebenso attraktive Lehrerin Johanna (Selome Emnetu). In ihrem Tagebuch hält sie ihre Hoffnungen und Gefühle fest. Der Film beginnt damit, dass sie dieses Tagebuch aus dem Off kommentiert und uns auf eine Reise durch ihre pubertären Leidenschaften mitnimmt. Das ist spannend und intelligent erzählt. Als die imaginierte Affäre sich nicht realisiert, verschwindet die Lehrerin aus der Geschichte und der Film bekommt eine biedere Wendung. Johanne druckt ihr Tagebuch aus und zeigt es ihrer Großmutter Karin (Anne Marit Jacobsen), die selbst als Schriftstellerin arbeitet. Diese gibt es wiederum an Johannes Mutter Kritin (Anne Dahl Torp) weiter. So wird aus dem intimen Tagebuch eine Familiendebatte über weibliche Gefühle und weibliches Begehren. Aus dem intimen Tagebuch wird ein Gegenstand ausschweifender Diskussionen und am Ende ein literarisches Projekt. 

Nach dem spannenden Auftakt wird in Dag Johan Haugeruds „Drømmer“ (Traüme) viel, ich würde sagen zu viel geredet und zu wenig gezeigt. Was fehlt, ist vor allem die Perspektive der Lehrerin Johanna, die keine eigene Stimme bekommt und auf ihre Rolle als Projektionsfläche der Begierde reduziert wird. Selome Emnetu, deren Familie aus Eritrea stammt, besitzt eine charismatische Ausstrahlung und starke filmische Präsenz, mit der sie die blonden Norwegerinnen in den Schatten stellt.

„Träume“ ist nach „Sehnsucht“ und „Liebe“ der dritte Teil einer Trilogie, in der der norwegische Regisseur sich mit dem Verhältnis von Sex und Liebe beschäftigt. Am stärksten war der zweite Teil, „Sex“, der 2024 im Wettbewerb in Venedig lief. Da wird zwar auch viel geredet, aber die Figuren sind spannender und haben eine eigene Perspektive.

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