Drømmer (© Agnete Brun)


Es gab die Hoffnung, dass mit Todd Haynes als Jurypräsidenten (die weiteren Jurymitglieder waren der Regisseur Nabil Ayouch aus Marokko, die Schauspielerin Fan Bingbing aus der Volksrepublik China, die Kostümbildnerin Bina Daigeler aus Deutschland, Regisseur Rodrigo Moreno aus Argentinien, die Filmkritikerin und Autorin Amy Nicholson  aus den USA sowie die Regisseurin und Schauspielerin Maria Schrader aus Deutschland) die absurden Preisvergaben bei der Berlinale ein Ende haben würden. Und so kam es dann auch. Endlich keine mittelmäßigen Dokumentarfilme oder abstruse rumänische Produktionen, die in den letzten Jahren den Goldenen Bären gewannen, sondern filmische Qualität als entscheidendes Kriterium. „Drømmer“ (Träume) von Dag Johan Haugerud ist ein würdiger Gewinner und gehörte zu den Filmen, die in einem durchwachsenen Wettbewerb herausragten. Die Geschichte einer adoleszenten Verliebtheit und deren literarische Verarbeitung bildet den letzten Teil einer Trilogie, die grundsätzliche Fragen nach Liebe, Sex und Identität aufwirft. Dabei ist der dritte Teil vielleicht etwas dialoglastig geraten, aber das lässt sich verkraften.

Auch beim Silbernen Bären und Großen Preis der Jury traf man eine kluge Entscheidung. Der brasilianische Beitrag „O último azul“ (The Blue Trail – wörtlich: Das letzte Blau) von Gabriel Mascaro verbindet den Blick in eine dystopische Zukunft mit der Geschichte einer persönlichen Befreiung. In einem autoritär regierten Brasilien, das Drehbuch entstand während der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro, weigert sich die 77jährige Tereza, die auf einer Krokodilfarm arbeitet, am staatlich verordneten Euthanasie-Programm für alte Menschen teilzunehmen. Sie bricht auf zu einem Abenteuer im Urwald des Amazonas. „O último azul“ gewann mit seinem Bilderreichtum und seiner humanen Botschaft auch den Preis den Ökumenischen Jury.

Der Regiepreis für den Chinesen Huo Meng war eine überraschende Entscheidung. Sein Film „Sheng xi zhi di“ (Living the Land) nimmt uns mit in die frühen 90er Jahre. Der 10jährige Chuang wächst bei seinen Großeltern auf, die Eltern sind zur Arbeit in die Stadt gegangen. Auf dem Dorf erlebt er den Zyklus von Saat und Ernte, traditionelle Zeremonien, die kollektiv gefeiert werden wie Hochzeit und Beerdigung. Huo Meng entwirft einen dörflichen Kosmos, der sich unter dem Druck der ökonomischen Transformation allmählich verändert.

Eine unselige Hinterlassenschaft der Ära Rissenbeek/Chatrian ist die Abschaffung der weiblichen und männlichen Schauspielerpreise zu Gunsten eines Unisex-Preises, der selbstverständlich immer an eine Frau geht. In diesem Jahr an die Australierin Rose Byrne für ihre Tour de Force-Performance in „If I Had Legs, I’d Kick You“. Raffinierterweise erfand die Jury einen Preis für den besten Nebendarsteller, mit dem Andrew Scott für seine Rolle des Musical-Komponisten Richard Rodgers in „Blue Moon“ ausgezeichnet wurde. 

Wie ein schlechter Scherz wirkt dagegen der Drehbuchpreis für den Rumänen Radu Jude und seinen Film „Kontinental ’25“. Jude ist ein Meister von Arthouse Billigproduktionen. 13 Filme, inklusive 3 Kurzfilme, hat er in den letzten 10 Jahren gedreht. Er setzt zwei Figuren in eine Stadt, in diesem Fall Cluj/Klausenburg, und lässt sie minutenlang über Gott und die Welt reden. Über Mietwucher, Immobilienspekulation, Obdachlosigkeit und die Situation der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen bzw. Transsylvanien. Wie der Titel andeutet, soll es nicht nur um Rumänien, sondern beispielhaft um den ganzen Kontinent im Jahr 2025 gehen. Als ein Liebling der Kritiker wird Radu Jude gerne für sein Krisenbewusstsein und seinen angeblich subtilen Humor gefeiert.

Angemessener wäre der Drehbuchpreis für Lionel Baiers Romanverfilmung „La cache“ gewesen. Ein Film, der all das hat, was „Kontinental ‚25“ abgeht, der die Zuschauer nicht mit mäandernden Dialogen langweilt. Völlig unverständlich war, dass „Dreams“ von Michel Franco, einer der eindrucksvollsten Filme des Wettbewerbs, bei der Preisverleihung leer ausging. Jessica Chastain bot sich an für den Darstellerpreis, Michel Franco für Regie und Drehbuch. Auch ein Goldener Bär wäre angemessen gewesen. Man darf davon ausgehen, dass Michel Franco seinen nächsten Film lieber in Venedig präsentieren wird.

Diese Berlinale war einigermaßen frei von politischen Aufregungen, wenn man von Tilda Swintons BDS-Sympathien absieht, die sie diskreterweise in der Pressekonferenz zu ihrem Ehrenbären äußerte. Ansonsten war im Wettbewerb eine deutlich feministische Handschrift mit einer Präferenz für Frauengeschichten erkennbar. Das ging manchmal auf Kosten der filmischen Qualität. Insgesamt spürte man bei dieser 75. Berlinale den Atem eines Neuanfangs, der vorsichtig optimistisch stimmt. Auch der Zuschauerrekord bei den Ticketverkäufen lässt für die Zukunft hoffen.

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